Eine angeblich „unentbehrliche Einkaufshilfe“ will Marcus Rohwetter in einer Kolumne in der Wochenzeitung Die Zeit seinen Lesern geben. Diese steht unter der Überschrift „Quengelzone“ – ein Begriff, mit dem Konsumforscher den Wartebereich an der Kasse von Supermärkten bezeichnen, „in dem kleine Kinder ihren Eltern das Leben zur Hölle machen sollen. Quengelzone klingt niedlicher als Nötigung. Die Einkaufswelt ist voll von Beschönigungen, Worthülsen und falschen Bildern, die oft bloß den Verstand betäuben und Geldbörsen öffnen. Über die Sommerwochen wollen wir einige davon enttarnen“ – so Rohwetter. Zum dritten Mal erschien die Kolumne jetzt. Der Wirtschaftsjournalist machte bisher darauf aufmerksam, dass „hausgemacht“ ein „ebenso schönes wie leeres Wort“ sei und dass Bier, das als „alkoholfrei“ bezeichnet wird, trotzdem bis zu 0,5 Prozent Alkohol enthalten darf. Nicht gerade bahnbrechende Erkenntnisse, aber wenigstens keine falschen. Im Gegensatz zum Inhalt der neuesten Kolumne, die „Seitan“ heißt. In Anführungszeichen. Denn der Fleischersatz, den man in der Bioecke im Supermarkt finden könne, habe mit „hochsubventionierten Industrielandwirten und den Abfällen alternativer Brennstoffproduktion“ mehr zu tun als mit der jahrtausendealten Tradition des asiatischen Lebensmittels aus Weizeneiweiß. Den Herstellern wirft Rohwetter allein den Gebrauch des Wortes vor. Da schwinge „viel mit von der asiatischen Tradition dieses speziellen Nahrungsmittels“ – dieses wolle man so als das „perfekte Lebensmittel für unsere sinnsuchende und ressourcenschonende Zeit“ vermarkten.

Von einem Blatt vom Format der Zeit hätte man wirklich eine bessere Recherche erwarten dürfen. Rohwetter hat gleich mehrfach total daneben gegriffen. Was den Namen angeht: Rohwetter schwadroniert über „die Sanftheit des Wortes“ – da sehe man „Mönche vor sich“, die „vor einer kargen Hochlandkulisse meditieren, danach eine sehr gesunde Speise zu sich nehmen und sehr alt werden“. Statt freie Assoziation zu betreiben, hätte er sich wenigstens kurz über die Herkunft des Wortes informieren können. Denn bei der Bezeichnung Seitan handelt es sich keineswegs um jene, welche Mönche in China, die vor über 1000 Jahren das Lebensmittel aus Getreideeiweiß – dort heißt es mian-jin – erstmals entwickelten, letzterem gaben; das Wort ist vielmehr ein Neologismus, der gerade einmal 50 Jahre alt ist. Er stammt vom japanischstämmigen Erfinder der makrobiotischen Ernährung, Georges Ohsawa, der im Jahr 1962 in Kooperation mit der Marushima Shoyu Company unter dem Produktnamen Seitan erstmals ein Weizeneiweiß-Erzeugnis auf den Markt brachte. Bei Seitan handelt es sich also von Anfang an um ein industriell gefertigtes Produkt, und der von Ohsawa erfundene Name hat nichts Romantisches, sondern verweist lediglich auf den Hauptbestandteil des Produkts: Protein.

Weizeneiweiß aus Getreide aus biologischer Landwirtschaft als „Abfallprodukt“ zu bezeichnen, kann eigentlich nur als bewusste Falschdarstellung und Verunglimpfung interpretiert werden. Klar: Ethanol zur Nutzung als Kraftstoff wird im Moment in erster Linie durch die Fermentation zucker- und stärkehaltiger Pflanzen gewonnen, als Rohstoffe dienen vor allem Zuckerrohr, Zuckerrübe, Mais – und eben Weizen. Dessen Hauptbestandteile sind, neben Wasser, Stärke und Eiweiß. Zur Herstellung von Ethanol wird die im Weizen enthaltene Stärke in fermetierbare Kohlenhydrate umgewandelt, die zu Alkohol vergoren werden können. Stärke gehört zu den wichtigsten nachwachsenden Rohstoffen – sie wird z.B. bei der Herstellung von Papier und diversen Grundchemikalien verwendet, und bei der Produktion von Ethanol als sog. Biokraftstoff dient sie als fermentierbares Substrat. Zur Gewinnung von Stärke aus Weizen wird diese mit Hilfe von Wasser aus dem Weizenmehl gewaschen. Das bei der Auswaschung verbleibende Weizenprotein wird getrocknet und zu Glutenmehl vermahlen, das in verschiedenen Bereichen eingesetzt wird. Es stimmt, dass das proteinreiche Mehl in Tierfutter Verwendung findet, sowie in unterschiedlichen Bereichen der Lebensmittelindustrie. In erster Linie dient es dort zur Verbesserung der Eigenschaften von Backwaren. Aber: Hätte er nachgedacht, so hätte Rohwetter leicht selbst darauf kommen können, dass es nicht in Bio-Produkten landet – denn wer wäre schon so blöd, teures Getreide aus ökologischem Landbau zu Kraftstoff zu verarbeiten?

Wenn er es schon nötig hat, im Supermarkt über das angebliche „Abfallprodukt aus Fabriken, in denen Bioethanol produziert wird“ zu quengeln, sollte Rohwetter also, statt in der „Bioecke“, besser in der Backwarenabteilung nachschauen. Weizeneiweiß aus Getreide, das zur Bioethanol-Herstellung angebaut wird, kommt jedenfalls, anders als Rohwetter suggerieren will, in Bio-Lebensmitteln überhaupt nicht zum Einsatz. Der Hauptrohstoff für die Wheaty-Produkte stammt aus biologischem Landbau. Jahrelang konnte der Bedarf aus deutscher Erzeugung gedeckt werden. In der letzten Zeit aber ist es immer schwieriger geworden, das Ziel der möglichst regionalen Herkunft der Rohstoffe zu erreichen; gerade bei Bio-Weizeneiweiß ist eine ausschließliche Deckung des Bedarfs bei TOPAS nur aus deutschem Weizen aktuell nicht mehr möglich. Der Grund dafür: Die Anbaufläche für nachwachsende Rohstoffe hat sich in Deutschland innerhalb von zehn Jahren verfünffacht. Die Bio-Betriebe, mit denen die Firma TOPAS in Kontakt steht, klagen zunehmend darüber, dass durch den steigenden Anteil der Fläche, auf denen Getreide nicht mehr direkt als Lebensmittel, sondern als nachwachsender Rohstoff für die Industrie angebaut wird, die Pachtflächen knapper werden und deshalb die Pachtpreise für Ackerflächen in die Höhe gehen. Zwischen den Anbauflächen für Weizen als Nahrungsmittel und dem Weizen für die Energiegewinnung findet ein Verdrängungswettbewerb statt, unter dem gerade die Bio-Betriebe, von denen der Hauptrohstoff für Bio-Seitan stammt, leiden. Diesen also, wie Rohwetter es tut, ausgerechnet „mit hochsubventionierten Industrielandwirten“ in Zusammenhang zu bringen, ist eine genaue Umkehrung der Tatsachen und geradezu eine Provokation.

Weshalb Rohwetter angesichts der zahllosen Beschönigungen, falschen Bilder und Lebensmittel-Skandale gerade in der Fleischindustrie ausgerechnet gegen das tatsächlich gesunde und ressourcenschonende Fleischalternativprodukt Seitan wettert, bleibt unklar. Klar ist nur: Er hat, statt – wie es seine journalistische Pflicht wäre – die Leserinnen und Leser zu informieren, aus ein paar Begriffen, die wenig miteinander zu tun haben, eine freie Assoziationskette aneinandergereiht, welche alles andere als in der Lage ist, die Realität hinter den Worten abzubilden. Rohwetter hat falsche Zusammenhänge hergestellt und die Tatsachen sogar gänzlich verdreht. Seine „unentbehrliche Einkaufshilfe“ ist damit keine Hilfe für die Verbraucherinnen und Verbraucher, sondern nichts anderes als ein – angesichts der Kürze des Textes von Fehlinformationen geradezu überladenes – Pamphlet, das, in jeder Hinsicht, absolut entbehrlich ist. Rohwetter bringt in seiner Kolumne derart viel durcheinander, dass wir finden, er sollte, statt die schönen Sommerwochen mit Quengeln zu verbringen, besser etwas zur Klärung seines Geistes tun. Meditation und gesunde Speise sollen ja helfen. Was Letztere angeht, so hört man, sei Bio-Seitan zu empfehlen.