So etwas nennt sich heute also Qualitätsjournalismus: Nachdem in der Wochenzeitung Die Zeit vor Kurzem fälschlicherweise behauptet wurde, Seitan habe mit „hochsubventionierten Industrielandwirten und den Abfällen alternativer Brennstoffproduktion“ mehr zu tun als mit der jahrtausendealten Tradition des asiatischen Lebensmittels aus Weizeneiweiß, bringt nun der „Reptilienforscher, Schriftsteller und Liedermacher“ Heiko Werning in der taz seine gesamte Bauernschläue auf, um zu erklären – aufgepasst: Der Laie staunt, und der Fachmann wundert sich –, weshalb ein weltweiter Trend weg von Tierprodukten nicht, wie bisher angenommen, die Umwelt entlasten würde wie keine andere Maßnahme, sondern im Gegenteil den Flächenverbrauch steigern, auch noch die letzten Regenwaldflächen in Soja-Monokulturen umwandeln und „der Artenvielfalt damit endgültig den Garaus machen“ würde. In seinem Artikel heißt es ernsthaft: „Wäre die Welt also eine bessere, wenn die Menschheit auf eine vegetarische oder gar vegane Ernährung umstiege? Eher nicht. Der Flächenverbrauch wäre immens, denn der Mensch kann pflanzliche Nahrung nicht annähernd so gut verwerten wie die Kuh – ein Aspekt, der in der Diskussion erstaunlich oft übergangen wird. […] Um in einer besseren Zukunft die Weltbevölkerung angemessen ernähren zu können, wird man um Fleisch nicht umhinkommen, will man nicht die letzten Regenwaldflächen auch noch in Soja-Monokulturen umwandeln und der Artenvielfalt damit endgültig den Garaus machen.“

Bei einem Satz wie „Der Flächenverbrauch wäre immens, denn der Mensch kann pflanzliche Nahrung nicht annähernd so gut verwerten wie die Kuh“ handelt es sich um eine typische Milchmädchenrechnung. Für die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch werden ca. 16 Kilogramm Getreide oder Soja verfüttert. Folgt man der Aussage Wernings, der Mensch verwerte pflanzliche Proteine schlechter als Rinder und deshalb würde mit einer weltweiten Umstellung auf pflanzliche Nahrung ein Anstieg der benötigten landwirtschaftlichen Fläche einher gehen, hieße das, dass die Verwertung pflanzlicher gegenüber jener tierischer Nahrung beim Menschen mindestens 16 Mal schlechter sein müsste; Veganer müssten sich also statt 100 Gramm Rindfleisch z.B. 1,6 Kilogramm Seitan zuführen, um denselben Nährwert zu erreichen… Hätte Werning diese seine krude Logik einmal zu Ende gedacht, müsste er sich nicht mehr darüber wundern, dass dieser Aspekt in der Diskussion „erstaunlich oft übergangen wird.“ Fakt ist: Bei der Fleischproduktion geht fast alles an Eiweiß und Kohlenhydraten, was eingesetzt wird, verloren. Um eine tierische Kalorie zu erhalten, müssen, je nach Tier, fünf bis 30 pflanzliche Kalorien verfüttert werden, was bei der Rinderhaltung einen Energieverlust von bis zu 90 Prozent bedeutet. Und genau dort findet auch die immense Flächenverschwendung statt: Auf der landwirtschaftlichen Fläche, die nötig ist, um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, könnten 200 Kilogramm Tomaten oder 160 Kilogramm Kartoffeln geerntet werden. Allein um den Fleischbedarf Deutschlands zu decken, wird deshalb eine Fläche benötigt, die so groß ist wie Österreich.

Weiterhin werden für jedes Kilogramm Rindfleisch gut 50 Quadratmeter Regenwald vernichtet. 70 Prozent des abgeholzten Amazonas-Regenwalds sind direkt für die Nutztierhaltung bestimmt, ein Großteil der weiteren 30 Prozent für den Futtermittelanbau. Weltweit wird die Hälfte der Getreide- und sogar 90 Prozent der Sojaernte an Tiere verfüttert. Für die Abholzung und die daraus folgende Zerstörung der Artenvielfalt ist also fast ausschließlich die Fleischindustrie verantwortlich. Und selbst konventionelles Sojafleisch aus brasilianischen Sojabohnen ist immer noch viermal klimafreundlicher als Bio-Hackfleisch und verbraucht weitaus weniger Fläche. Während für die Produktion von nur einem Kilogramm Bio-Hackfleisch ganze 46,02 m² im Jahr verbraucht werden, sind es für Bio-Sojafleisch lediglich 0,73 m² – Zahlen, die für sich sprechen.

Bei diesem Wissen handelt es sich eigentlich inzwischen um Allgemeingut. Und auch die Schlussfolgerung ist klar: Angesichts der katastrophalen ökologischen Folgen der Fleischproduktion für die Umwelt wäre dringend eine weltweite Ernährungsumstellung weg von Tierprodukten notwendig – zu diesem Schluss kam eine Studie der Umweltorganisation der UNO im Jahr 2010. Bereits 2008 wurde im Weltagrarbericht festgehalten: Der Fleischkonsum in den Industriestaaten muss gesenkt werden. Masttiere fressen Soja, Mais und Weizen. Das Getreide steht dadurch nicht mehr für die direkte Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung. Bei dem Umweg über das Tier geht Nahrungsenergie verloren, die der menschlichen Ernährung dienen könnte. Dass ausgerechnet ein Text in der taz – das Blatt ist laut Redaktionsstatut „für die Verteidigung und Entwicklung der Menschenrechte und artikuliert insbesondere die Stimmen, die gegenüber den Mächtigen kein Gehör finden“ – ein überholtes System der Ernährung, welches all die inzwischen hinlänglich bekannten negativen ökologischen und sozialen Folgen hervorbringt, versucht zu rehabilitieren, ist ein Armutszeugnis für die Zeitung. Was die sozialen Folgen der Fleischproduktion angeht, so spielen übrigens nicht nur Fleischexporte in die Dritte Welt, die die dortigen Märkte kaputt machen, eine Rolle; auch der Futtermittelanbau hat, vor allem in Lateinamerika, verheerende gesundheitliche und soziale Folgen für die in diesen Gebieten lebenden Menschen.

Vielleicht befindet sich das Lektorat der taz ja im Sommerurlaub. Anders ist kaum zu erklären, wie die Behauptungen Wernings bis zum Druck überleben konnten. Diese ignorieren ja nicht nur konsequent alle wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte – Wernings Argumente sind schon seit dem 19. Jahrhundert überholt. Bei der Erkenntnis etwa, dass eine auf Tierhaltung basierende Wirtschaft gar nicht nachhaltig sein kann, handelt es sich um eine so einfache wie alte Rechnung. So stellte schon Alexander von Humboldt (1769-1859) fest: „Dieselbe Strecke Landes, welche als Wiese, d.h. als Viehfutter, zehn Menschen durch das Fleisch der darauf gemästeten Tiere aus zweiter Hand ernährt, vermag, mit Hirse, Erbsen, Linsen und Gerste bebaut, hundert Menschen zu erhalten und zu ernähren.“ Doch den Resten eines humboldtschen Bildungsideals hat der heutige Qualitätsjournalismus wohl endgültig den Garaus gemacht.