Haiti, Madagaskar, Tuvalu – das waren die ersten „vergessenen Länder“, die in der gleichnamigen Reihe thematisiert wurden. In der Spielzeit 2009/10 hatte sie das Landestheater Tübingen anlässlich des Erdbebens auf Haiti gestartet. Seitdem wurden Länder vorgestellt, deren Namen wir vielleicht kennen, von denen wir aber kaum wissen, wo sie liegen, geschweige denn, welche Geschichte sie geprägt hat und in welcher politischen und sozialen Lage sich die Bevölkerung befindet. Im Laufe der Zeit haben wurde das Format erweitert und schließt inzwischen bewusst auch solche Länder ein, die im Zusammenhang mit einem bestimmten politischen oder gesellschaftlichen Thema medial sehr präsent sind, von denen wir aber über diesen engen Blickwinkel hinaus nichts erfahren: So gab es etwas einen Abend zu Island, dem Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, und einen genaueren Blick auf den Arabischen Frühling.

Diesmal befasste sich Ensemblemitglied Raúl Semmler mit einem wirklich unbekannten Land: „Veganistan“. Woher kommt der Veganismus? Wie sieht es damit in anderen Völkern und Kulturen aus und wie wirkt sich der Konsum von Fleisch und tierischen Produkten auf die Menschheit und die Umwelt aus? Diese und weitere Fragen erwarteten die Besucher am Veganistan-Abend. Dass der Veganismus auf immer größeres Interesse stößt, zeigte der Besucherandrang: Ungefähr 90 Personen kamen, um sich darüber zu informieren, welche Gründe Menschen haben, vegan zu leben.

In seinem einleitenden Referat nannte Raúl Semmler nach einem Gang durch die Kulturgeschichte von Vegetarismus und Veganismus harte Zahlen und Fakten, welche die Auswirkungen der Fleischproduktion auf Mensch, Tier und Umwelt zeigten und die dringende Notwendigkeit einer weltweiten Umstellung auf eine pflanzenbasierte Ernährung verdeutlichten. Danach gab Sabine Weick, Ernährungswissenschaftlerin und Peta-Mitglied, praktische Tipps für die persönliche Umstellung auf eine gesunde vegane Ernährung und beantwortete die Fragen des Publikums.

Anschließend stellte Markus Kreggenwinkel als Vertreter von Animal Equality seine Organisation vor. Animal Equality ist derzeit in Großbritannien, Italien, Spanien, Venezuela, Indien und Deutschland aktiv. Beim Ansatz der Organisation handelt es sich um einen abolitionistischen – das bedeutet, dass die Abschaffung jeglicher Nutzung von Tieren das Ziel ist – sowie um einen antispeziesistischen. Unter Speziesismus versteht Animal Equality eine Form der Diskriminierung von Individuen anderer Spezies, die heutzutage ethisch nicht mehr vertretbar sei: Ebenso wie Rassismus oder Sexismus beruhe er auf willkürlichen und unethischen Kriterien. Somit sei Veganismus und die Forderung nach Tierrechten eine logische Konsequenz und Fortsetzung anderer Befreiungsbewegungen, wie die Befreiung der Sklaven oder die Emanzipation der Frauen.

Ähnlich argumentiert der Tübinger Rapper Callya, der durch den Track „Ohne Rechte“ von MC Albino zum Veganismus angeregt wurde. Albino und Callya haben sich über die gemeinsame Plattenfirma „Art 4 Real“ kennengelernt; 2010 haben sie ein gemeinsames Album herausgebracht. Ein Track aus dem Album „Im Augenblick“, in dem es um die Befreiung von Mensch und Tier geht, wurde dem Publikum vorgespielt. Darin heißt es: „Jetzt ist genug! Zeit, dass wir endlich rebellieren; deshalb sind wir hier, bis das Unrecht stirbt – es gibt nichts außer Ketten zu verlieren.“

Und Veganismus wurde nicht nur in der Theorie behandelt: Die Wheaty-Kostproben wurden begeistert vom Publikum angenommen.